DAS WILDE IM MANN

Tief im Wald beginnt eine Welt, die älter ist als unsere Straßen, Häuser und Städte. Eine Welt, in der der Mensch der Natur nicht gegenübersteht, sondern ein Teil von ihr ist.
Der Wilde Mann verkörpert diese ursprüngliche Verbindung. Er steht für Kraft und Instinkt, für Freiheit und Lebendigkeit – aber auch für die Herausforderung, die eigene Wildheit nicht nur zu entfesseln, sondern ihr eine Richtung zu geben.
Er ist der Hüter einer Schwelle.
Wer ihm begegnet, verlässt für einen Moment das Gewohnte. Der sichere Weg endet. Der Wald beginnt. Dort zählen nicht Rang, Besitz oder äußere Rollen. Dort begegnet der Mensch sich selbst: seiner Angst, seinem Mut, seiner Kraft und dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.

Der Ruf der Wildnis.

In alten Geschichten beginnt Veränderung häufig dort, wo ein Mensch den vertrauten Weg verlässt.

Der Wald steht dabei für das Unbekannte – für jenen Teil des Lebens, den wir nicht vollständig kontrollieren können. Wer ihn betritt, muss lernen, wahrzunehmen, zu vertrauen, Grenzen zu erfahren und Verantwortung für die eigene Kraft zu übernehmen.

Der Wilde Mann erinnert an diesen Weg. Nicht zurück in eine vergangene Zeit, sondern zurück zu etwas, das auch heute noch in uns lebt: Naturverbundenheit, Mut, Instinkt, Gemeinschaft und die Bereitschaft, sich dem Leben unmittelbar zu stellen.

Von der Wildheit zur Kraft


Wildheit bedeutet nicht Rücksichtslosigkeit.
Ursprüngliche Kraft braucht Haltung.
Aus dem Impuls kann Entschlossenheit werden.
Aus dem Kampf kann Schutz entstehen.
Aus Freiheit kann Verantwortung wachsen.
Aus dem Einzelnen kann ein tragender Teil der Gemeinschaft werden.
So steht der Wilde Mann auch für Wandlung: vom ungerichteten Drang zur bewussten Kraft.

SPUREN IM HARZ UND IN EUROPA

Wer im Harz nach dem Wilden Mann sucht, begegnet ihm bis heute.
Seine Gestalt findet sich in Sagen und Ortsnamen, auf Wappen und historischen Münzen und immer wieder in der Bildwelt des Harzes. Auch in historischen Bauwerken und Ausstattungen begegnen Darstellungen jener wilden, naturverbundenen Menschen, die über Jahrhunderte Teil der europäischen Vorstellungswelt waren.

Besonders deutlich wird diese Verbindung in der Bergstadt Wildemann im Oberharz. Ihr historisches Wappen zeigt einen Wilden Mann mit Laubkranz, Tanne und Sachsenross. Bereits 1548 erhielt Wildemann das Siegelrecht. Eine örtliche Sage verbindet sogar die Entstehung des Ortes mit der Begegnung von Bergleuten mit einem Wilden Mann und der Entdeckung von Erzvorkommen.
Auch im Wappen von Bad Harzburg erscheint die Gestalt: Zwischen den Türmen einer Burg steht ein laubbekränzter Wilder Mann mit einer Tanne in der Hand. Gerade in den deutschen Mittelgebirgen wurde der Wilde Mann häufig mit Wald, ursprünglicher Natur und teilweise auch mit dem Bergbau verbunden.

Wie tief das Motiv im Harz verwurzelt war, zeigen auch historische Münzen. Auf Goslarer Talern des 16. Jahrhunderts erscheint der Wilde Mann als zentrale Figur. Später finden sich entsprechende Darstellungen auch auf Münzen und bergbaulichen Prägungen des Harzes.
Auch historische Siegel aus dem Oberharzer Bergbau zeigen Wilde Männer als Wappenhalter. Die Gestalt war damit nicht nur Teil mündlicher Erzählungen, sondern wurde zu einem sichtbaren Symbol der Region.
Solche Spuren begegnen uns darüber hinaus in der Kunst und Heraldik: Wilde Männer wurden seit dem Mittelalter auf Wappen, in Holzschnitten und anderen bildlichen Darstellungen gezeigt. Häufig erscheinen sie mit langem Haar und Bart, Laub, Baum oder Keule – als Wesen an der Grenze zwischen menschlicher Ordnung und Wildnis.


Auch rund um Stolberg möchten wir diesen Spuren nachgehen: in historischen Darstellungen, in der Ausstattung alter Gebäude und in der reichen Sagen- und Bilderwelt des Südharzes.


Der Wilde Mann ist dabei keineswegs nur eine Harzer Erscheinung.
Über Jahrhunderte begegnet seine Gestalt in verschiedenen Teilen Europas. Wilde Männer erscheinen als Wappenfiguren und Schildhalter und finden sich von deutschen Regionen über den Alpenraum bis nach Nord- und Osteuropa.
Seine Gestalt verändert sich – die Grundidee bleibt erstaunlich ähnlich:

Der Wilde Mann lebt dort, wo die geordnete Welt endet und die Wildnis beginnt.
Er verkörpert ursprüngliche Kraft, Naturverbundenheit und das Ungezähmte. Zugleich erinnert er daran, dass Wildnis nicht nur außerhalb des Menschen existiert. Sie ist auch ein Teil von uns selbst.
Im Harz ist diese alte Gestalt bis heute sichtbar.


Wir möchten ihre Spuren wieder aufnehmen, ihre Geschichten erzählen und daraus ein lebendiges Brauchtum für die Zukunft entstehen lassen.